Interview mit Mario Zanier, dem Erfinder von xt:Commerce

Mario Zanier, 29, ist Kopf, Erfinder und Entwickler von xt:Commerce. Zanier ist Bachelor of Science der medizinischen Informatik sowie Geschäftsführer der xt:Commerce GmbH und Director bei market.com. Kurz vor der diesjährigen CeBIT nahm sich der Entwickler und technischer Manager Zeit für ein Gespräch.

Im Internet gibt es nicht sonderlich viel über Sie zu finden?!

Mario Zanier:
Es geht ja auch nicht um mich als Person, sondern um das, was wir machen.

Es gibt allerdings einen äußerst fundierten ecommerce -Leitfaden von 2008, in dem Sie als Interviewpartner vertreten sind. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Mario Zanier:
Der ecommerce -Leitfaden ist ein Projekt, das wir zusammen mit anderen Partnern seit sechs oder sieben Jahren sponsern. Die Uni Regensburg suchte damals nach Partnern und sprach uns an. Sie wollten wissen und beschreiben, was jemand tun bzw. berücksichtigen muss, der einen Online Shop betreiben möchte. Im Zuge dieser Beratung kam auch das Interview zustande.

Hat sich seit 2008 im eCommerce etwas verändert? Falls ja, was?

Mario Zanier:
Es hat sich vieles verändert, haben Sie bis nächste Woche Zeit? Das Einzige, was geblieben ist: Wir sind immer noch die beste Lösung für die Kunden.

Zu jeder Lösung gibt oder gab es immer ein Problem. Welches war Ihres?

Mario Zanier:
1998 wollten wir das Sportgeschäft meines Vaters ins Internet bringen. Als Erstes haben wir mit dem Data Becker Shopsystem unter Windows 3.11 herumprobiert. Wir hatten eine Internetverbindung über Compuserve und ein altes Modem. Ja, und dann haben die Leute bestellt.

Wir konnten es kaum fassen, dass wirklich jemand etwas über den Computer bestellt, ohne dass man einander gesehen oder miteinander gesprochen hat.

Mit den Kunden lief es super, aber der Shop wollte nicht so ganz wie wir. Also habe ich nach einem Jahr damit angefangen, in PHP selber was zu bauen.

Im Alter von 15 Jahren…

Mario Zanier:
Programmierung war seit ich neun oder zehn Jahre alt war ein Hobby von mir. Ich hatte einen richtigen Personal Computer, einen 486er mit 50 MHz und Turbo Taste. Ich habe mir das Programmieren selbst beigebracht. Als ich dann von der Informatikschule nicht genommen wurde, weil ich in Englisch zu schlecht war, habe ich auf der weiterführenden Berufsfachschule erst Hochbau gemacht und dann später medizinische Informatik an einer Privatuniversität studiert. Informatik allein, wäre mir zu trocken gewesen.

Wie ging es dann weiter? Schließlich haben Sie Ihr Hobby erfolgreich zum Beruf gemacht.

Mario Zanier:
Wir haben zu siebt das deutsche Forum von OS Commerce eröffnet und die Software zum Download reingestellt. Das war‘s dann eigentlich. Immer mehr Leute haben die Software heruntergeladen. Irgendwann haben wir uns mit den Entwicklern dort zerstritten, weil die sich strikt geweigert haben, etwas Kommerzielles aus der ganzen Sache zu machen. 2001 haben wir uns unter dem Namen xt:Commerce abgespalten.

Haben Sie die Logfiles überprüft, um die Art der Downloads zu analysieren?

Mario Zanier:
Nein, haben wir nicht. Wir haben uns auf das Forum konzentriert. Heute sind im Forum, glaube ich, über 100.000 Leute angemeldet und über 150 Kunden gehen pro Tag mit xt:Commerce Shops online. Aus diesem Forum ist eines der meist verbreiteten Shopsysteme entstanden.

Wie kann man von diesem Hobby leben?

Mario Zanier:
Bis 2004 haben wir alles gratis hergegeben. 2004 haben wir uns gesagt, eigentlich können und sollten wir Geld für unsere Arbeit verlangen. Über Nacht haben wir die ganze Website umgestellt und von heute auf morgen 100 Euro verlangt. Damit haben wir einen Megaaufruhr in der Open-Source-Szene verursacht. Aber wir haben damit auch die Grundlage für viele andere Open-Source-Projekte gesetzt, die uns mit gleichen Schritten gefolgt sind.

Vor zwei Jahren habe ich xt:Commerce anteilig an SafeCharge verkauft. Zu dieser Zeit wollte fast jeden Monat jemand anderes kaufen oder investieren. Auch große Investoren aus den USA. Mit SafeCharge hat alles gepasst.

Wie viele Vorkenntnisse muss ich haben, um die Community Edition von xt:Commerce einzusetzen?

Mario Zanier:
Was Open-Source-Lösungen voneinander unterscheidet ist, woher sie stammen. Sind sie aus einer Community heraus entstanden, muss man meistens Fehler beheben, also programmieren können. Mit den Dokumentationen bzw. Tutorials ist es schwierig, und eine Community denkt nicht unbedingt daran, einen Shop so zu bauen, das ihn auch Anfänger problemlos installieren können.

Ein weiterer wichtiger Faktor hat weniger mit Open-Source zu tun, als vielmehr mit der Zielgruppe des jeweiligen Händlers bzw. Herstellers. Je komplexer die Zielgruppe, Produkte und Funktionalitäten, umso mehr muss der Online Shop können. Es gibt Open-Source-Systeme, die ganz einfach zu bedienen sind, aber für die größeren mit dem breiteren Funktionsspektrum, muss man Vorkenntnisse haben. Für unsere Community Edition benötigt man Vorkenntnisse. Wer keine hat, dem helfen wir gerne. Unsere Kunden schätzen das.

Ihre Kunden sind also zufrieden?

Mario Zanier:
Unsere Kunden kommen aus sehr unterschiedlichen Branchen der KMU [Anm.: Kleine und mittlere Unternehmen] bis hin zu Großkonzernen, wie z.B. VW oder OSRAM. Was sie schätzen, ist die solide Basis unserer Arbeit. Wir halten, was wir versprechen, und liefern genau das, was wir gemeinsam vorab besprochen haben.

Warum präsentieren Sie sich seit mehreren Jahren auf der CeBIT?

Mario Zanier:
Wir gehen aus mehreren Gründen dorthin: weil es die größte Messe für unsere Branche ist, weil wir den persönlichen Kontakt mit unseren Kunden suchen, und weil man dort alle Partner trifft, wie zum Beispiel Warenwirtschaftshersteller. Es geht um Austausch und Netzwerken.

Der Onlineshop von xt:Commerce ist derzeit Marktführer in Deutschland. Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Mario Zanier:
Unser Investor hat mehrere Firmen gekauft. Derzeit geht es mir darum, diese auf technischer Ebene erfolgreich zusammenzuführen: uns [ xt:Commerce] als Shopsystem, SafeCharge als Zahlungsfirma sowie unseren Affiliate-Netzwerkbetreiber. Alle drei werden in ein Unternehmen mit dem Namen market.com zusammengeführt.

Ziel ist es, weitere Cross-Company-Projekte zu realisieren, wie zum Beispiel unser neues Bezahlverfahren xt:Payments, das xt:Commerce und SafeCharge gemeinsam entwickelt und vor circa drei Monaten auf den Markt gebracht haben. Ansonsten hat für mich die Internationalisierung von xt:Commerce bzw. market.com oberste Priorität. 85 bis 90 Prozent unserer Kunden kommen derzeit aus dem deutschsprachigen Raum. Dasselbe für Frankreich oder Spanien zu machen, wäre schon eine große Aufgabe.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Gesine Jüthner

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